Mit kinetIQ bündelt seele seine Kompetenz für bewegliche Fassaden und verbindet Fassadenengineering mit Mechanik, Antriebs- und Steuerungstechnik. Im Interview erklärt Michael Seele, Managing Partner von seele, warum leistungsfähige Gebäudehüllen künftig interdisziplinärer gedacht werden müssen, weshalb Bewegung kein Selbstzweck ist – und warum entscheidende Weichen bereits in frühen Planungsphasen gestellt werden.
Warum beschäftigt sich ein Fassadenbauer mit Bewegung und Automation?
Weil sich die Anforderungen an die Gebäudehülle verändern. Eine Fassade muss heute weit mehr leisten als Gebäudeabschluss zu sein. Sie muss unterschiedlichste Anforderungen an Gestaltung, Klima, Komfort und Funktion miteinander verbinden.
Bewegung eröffnet uns dabei zusätzliche Möglichkeiten. Fassadenelemente können sich beispielsweise an veränderte Bedingungen anpassen oder für den Nutzer ein völlig neues Raumerlebnis schaffen. Aber dafür reicht klassisches Fassadenengineering allein nicht mehr aus. Wir müssen Mechanik, Antriebe, Sensorik und Steuerung von Anfang an mitdenken. Genau darin sehen wir einen wichtigen nächsten Entwicklungsschritt für adaptive Gebäudehüllen.
Wie gehen Sie ein solch komplexes Thema an?
Wir verbinden das Wissen aus dem Fassadenbau mit Automatisierungs- und Steuerungstechnik. Die einzelnen Disziplinen dürfen bei solchen Aufgaben nicht nacheinander arbeiten. Sie müssen gemeinsam eine Lösung entwickeln. Wenn diese Welten zusammenkommen, können Lösungen entstehen, die mit einer klassischen, sequenziellen Planung kaum möglich wären. Innovation entsteht heute an den Schnittstellen zwischen Disziplinen.
Was ist die zentrale Idee hinter kinetIQ?
Bewegliche Bauteile funktionieren wie ein Organismus: Die Steuerung ist das Gehirn, die Antriebsstränge sind die Nervenbahnen und die Motoren setzen die Bewegung um. Entscheidend ist, dass alle Komponenten präzise zusammenspielen. Genau dafür steht kinetIQ: Wir verbinden die einzelnen Disziplinen zu einem intelligenten, leistungsfähigen Gesamtsystem.
Wo sehen Sie dafür besonders interessante Anwendungen?
Überall dort, wo Architektur stark mit Erlebnis und Aufenthaltsqualität verbunden ist. Denken Sie an eine private Residenz, bei der sich großformatige Verglasungen vollständig öffnen und Wohnraum und Landschaft miteinander verbinden. Oder Hospitality- und Retailfassaden: Eine Fassade kann sich öffnen, einen Eingangsbereich inszenieren oder einen Raum je nach Nutzung völlig neu definieren. Ein Gebäude ist normalerweise ein starrer Rahmen. Mit kinetIQ wird der Entwurf zur Choreografie.
Wie verändert sich die Zusammenarbeit mit Architektinnen und Architekten?
Wir treten wesentlich früher in einen intensiven Dialog, um Bewegung nicht als technisches Detail, sondern als integralen Bestandteil des architektonischen Konzepts zu verankern. Bewegung braucht Platz, denn eine Fassade schiebt sich beispielsweise in einen Wandhohlraum oder öffnet sich nach oben und unten. Eine frühe gemeinsame Entwicklung definiert, wie sich die gewünschten Gestaltungskomponenten und die notwendige Technik intelligent und möglichst unsichtbar in die Architektur integrieren lassen.
Was verändert sich konkret in der Entwicklung einer bewegten Fassade?
Die Schnittstellen werden wesentlich komplexer. Sobald sich ein mehrere Tonnen schweres Fassadenelement bewegt, müssen Tragwerk, Mechanik, Antrieb, Steuerung, Sicherheit und Gebäudeautomation zusammenspielen. Gleichzeitig bleiben die klassischen Anforderungen an die Gebäudehülle bestehen – beispielsweise hinsichtlich Luft- und Wasserdichtheit und struktureller Performance.
Deshalb sprechen wir bewusst von einem System. Man kann den Antrieb nicht isoliert von der Fassade entwickeln und umgekehrt. Die Spezialisten müssen ein gemeinsames Verständnis der Aufgabe entwickeln und gemeinsam Verantwortung für das Ergebnis übernehmen.
Bedeutet eine technologisch leistungsfähigere Fassade zwangsläufig auch mehr Komplexität?
Technisch betrachtet häufig ja. Für den Nutzer sollte davon aber möglichst wenig zu spüren sein. Das ist für uns ein wichtiges Qualitätsmerkmal. Hinter einer scheinbar einfachen Bewegung kann ein hochkomplexes Zusammenspiel von Mechanik, Antrieb, Steuerung und Sicherheit stehen. Die Nutzung muss intuitiv sein, indem sich das System zurücknimmt. Das Erlebnis steht im Vordergrund – und die Technik muss wie bei einer Bühnenshow diese besonderen Momente ermöglichen.
Kinematische Fassaden sind nicht neu. Was ist daran der nächste technologische Schritt?
Richtig. Bewegung in der Gebäudehülle gibt es schon lange, und seele hat umfangreiche Erfahrung damit. Ein Beispiel ist der Apple Park: Dort haben wir mit Foster + Partners zwei 16 × 28 Meter große und jeweils 180 Tonnen schwere Glastüren realisiert, die seit 2017 zuverlässig in Betrieb sind.
Der nächste Schritt geht darüber hinaus: Wir wollen Bewegung gezielt für die Performance der Gebäudehülle nutzen. Sonnenstand, Wind und Temperaturen verändern sich kontinuierlich. Eine intelligent gesteuerte Fassade kann auf diese physikalischen Bedingungen reagieren und beispielsweise Sonnenschutz, Öffnungszustände oder Nutzerkomfort optimieren. Dafür vernetzen wir Fassade, Sensorik und Gebäudesteuerung immer stärker. Perspektivisch eröffnet das auch neue Möglichkeiten für eine KI-basierte Steuerung.


